| Editorial |
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August 2005
von Rainer
Schalnus
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"Qualifizierte Qualitätssicherung" von Gesundheitsinformationen
in den digitalen Medien
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neue
Medienfreiheit versus geprüfte Gesundheits-Informationen?
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Gesundheitsinformationen in den digitalen Medien, allen voran
im Internet, bewegen sich im Spannungsfeld zwischen einer
bislang nie dagewesenen Publikationsfreiheit in den neuen
Medien und dem hochsensiblen Bereich qualitativ hochwertiger
medizinischer Informationsvermittlung.
Wer garantiert die Qualität von Informationen zu Medizin
und Gesundheit, die allen zugänglich im Internet angeboten
werden ? Wer haftet für Fehlinformationen oder Fehlverhalten,
das aus den in digitalen Medien bereitgestelleten Informationen
resultiert ?
In der "neuen Informationsfreiheit" liegt -auch
mit Blick auf Gesundheitsinformationen- eine grosse Chance.
Denn gerade der freie Zugang zu Informationen, die von nahezu
"jedermann" im Internet bereitgestellt und gelesen
werden können, ist für die Nutzer auch mit der Verpflichtung
verbunden, die Informationsangebote kritisch zu hinterfragen.
Begriffe wie "handverlesene Sites" oder "von
Experten geprüft" sprechen Internetnutzern in grossem
Masse die Fähigkeit ab, selbst darüber mitzuentscheiden,
welche Inhalte für welche Usergruppen nützlich sind
und welche nicht. Auch Linklisten sollten immer ausweisen,
wer für deren Zusammenstellung verantwortlich ist. Dem
Nutzer sollte in jedem Fall klar sein, dass es sich immer
um mehr oder weniger subjektiv ausgewählte Links handelt.
Knifflig wird die Angelegenheit, wenn es um "handfeste"
Fachinhalte geht. Hier sieht sich die Zielgruppe der Nicht-Fachleute
mit Informationen konfrontiert, deren fachlich inhaltliche
Qualität nur schwer einzuschätzen ist. Hier sind
entsprechende Qualitätsstandards gefordert. Solche Standards
sollten sich aber weniger an der Meinung einzelner Personen,
sondern eher an den Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften
und an der praktischen ärtzlichen Erfahrung orientieren.
Jede/r ArtzIn weiss um die Probleme der Patienten-Arzt-Kommunikation.
Ein Medium wie das Internet, welches weder dem Informationsanbieter
noch dem Nutzer eine Möglichkeit zum unmittelbaren raschen
und persönlichen Feedback erlaubt, stellt höchste
Ansprüche an die Kommunikation zwischen Arzt und Patient
bzw.den an Gesundheitsinformation interssierten Personen.
Die Fähigkeit zur Vorausschau, auf welche Weise der Internetnutzer
-oft alleingelassen mit seinem Gesundheitsproblem- die im
Netz angebotenen medizinischen Inhalte verarbeiten könnte,
wird vor allem erfahreneren Medizinern und "Health-Professionals"
zu vorbehalten sein.
Generierung und Prüfung von medizinischem Content durch
wirklich erfahrene "Health-Professionals" sollte
Grundlage für eine "qualifizierte Qualitätssicherung"
von Medizin-, Gesundheits- und Patienteninformation im Internet
sein.
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Ziele:
Patientenschutz, gezielte Optimierung und Benchmarking
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Wichtige Ziele einer solchen qualifizierten Qualitätssicherung
sind aber nicht nur der Patienten- und Verbraucherschutz,
konstruktives Benchmarking und die Optimierung bestehender
Informationsangebote sind ebenfalls von Bedeutung. Durch Verbesserung
und Anpassung an die Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe
von Gesundheitsinformationen sollte die Anzahl der qualitativ
hochwertigen Informationsangebote vergrössert werden.
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allgemeine Anforderungen an Bewertungssysteme: quantitativ,
transparent, handhabbar, reproduzierbar, Tauglichkeit im
Rahmen von Disease Management Programmen
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Die Grundvoraussetzung für das ergebnisorientierte Qualitätsmanagement
webbasierter medizinischer Informationen sind quantitative
Messgrössen, die neben dem nutzerorientierten Vergleich (Benchmarking)
eben auch die gezielte Optimierung der Informationsangebote
erlauben.
Wichtige Eigenschaften von Instrumenten für das Qualitätsmanagement
und die Evaluation von webbasierten Gesundheitsinformationen
sowie die Ergebnisdarstellung sollten sein: Transparenz, quantitativer
Bewertungsprozess, Reproduzierbarkeit, allgemeine Verfügbarkeit,
Zielgruppenorientierung, Berücksichtigung der Belange
des Informationsanbieters und die Tauglichkeit im Rahmen von
Disease-Management-Programmen für chronisch kranke Menschen.
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die
4 Säulen der Evaluation:
Transparenz,
Content,
Sevice
& Community, Usability & Accessibility
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Neben rein inhaltlichen Gesichtspunkten sollten webspezifische
Bewertungskategorien wie Services & Community sowie Usability
(Nutzerfreundlichkeit) & Accessibility (Barrierefreiheit)
in die Qualitätsevaluation mit einbezogen werden. Die
Forderung nach Transparenz zieht sich durch alle Kategorien.
Das sogenannte Empowerment der Patienten, z.B. im Rahmen
von Disease-Management-Programmen, wird künftig eine
wichtige Rolle spielen. Dies bedeutet aber auch, dass eine
immer grössere Zahl durch chronische Leiden körperbehinderte
Menschen das Internet zur Informationsbeschaffung, Kommunikation
und Datenübermittlung nutzen wird. Nach Schätzungen
sind in den USA bereits schon jetzt mehr als 8% der Internetnutzer
durch eine Behinderung bei der Nutzung der Userinterfaces
gehandicapt. Den grössten Anteil der Behinderten machen
Sehbehinderte aus. In Deutschland fordert das Gesetz zur Gleichstellung
Behinderter seit kurzem den barrierfreien Zugang Behinderter
zu den digitalen Medien.
Damit gewinnt barrierefreies Webdesign über die allgemeine
Nutzerfreundlichkeit von Userinterfaces hinaus zunehmend an
Bedeutung. Bislang befassen sich aber nur wenige Initiativen
(z.B. Web
Accessibilty Initiative des World Wide Web Consortium,
Web for
All Initiative) mit barrierefreiem Webdesign. Gerade im
Gesundheitswesen und im Bereich der Gesundheitsinformationen
sollten daher Qualitätsstandards für das barrierefreie
Webdesign vermehrt Eingang finden.
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Qualitätsmanagement:
standardisiertes Procedere
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Ein möglichst standardisiertes Vorgehen im Rahmen der
Qualitätsevaluation bzw. des Qualitätsmanagements von
Gesundheitsinformationen im Web ist dabei eine wesentliche
Voraussetzung für eine gewisse Obektivität und Grundlage
der Vergleichbarkeit verschiedener Informationsangebote. Methodisch
sollte die Qualitätssicherung digitaler Gesundheitsinformationen
in den Prinzipien und Arbeitstechniken des Qualitätsmanagements
verankert sein.
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bis dato bekannte Evaluationssysteme allenfalls nur partiell
geeignet
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Die Qualitätsevaluation und die gezielte Optimierung
und Qualitätssicherung von digitalen Gesundheitsinformationen
setzt ein quantitatives auf Messgrössen basierendes und
weitgehend reproduzierbares Evaluationsverfahren voraus.
Wichtige Eigenschaften von Instrumenten für das Qualitätsmanagement
und die Evaluation von digitalen Gesundheitsinformationen
sollten sein: Transparenz, quantitativer Bewertungsprozess,
Reproduzierbarkeit, allgemeine Verfügbarkeit, Zielgruppenorientierung
und die Tauglichkeit im Rahmen von Disease-Management-Programmen.
Dabei sollten neben rein inhaltlichen Gesichtspunkten auch
webtypische Aspekte wie Nutzerfreundlichkeit und Barrierefreiheit
beurteilt werden können. Eine standardisierte Abfolge
der einzelnen Schritte des Qualitätsmanagements versteht sich
von selbst.
Die bis dato diskutierten bzw. etablierten Evaluationssysteme
(z.B. URAC,
DISCERN,
OMNI, HON)
erfüllen die vorgenannten Anforderungen allenfalls partiell.
Ein Projekt, welches sich ganz wesentlich auf den Konsensus
der beteiligten Kooperationspartner in Deutschland stützt,
ist AFGIS.
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wissenschaftliche
Studien zur Qualität von Medizin- und Gesundheits-Information
bislang widersprüchlich und nicht unumstitten
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Derzeit vorliegende Studien zur Qualität von Gesundheitsinformationen
bedienen sich noch immer einer uneinheitlichen und nicht standardisierten
bzw. wissenschaftlich unsauberen Methodik. Auch in jüngerer
Zeit publizierte Übersichtsarbeiten sind in ihrer wissenschaftlichen
Aussagekraft ebenso begrenzt, wie die ihnen zugrunde liegenden
untersuchten Arbeiten. Allen gemeinsam ist die oft geringe
Verankerung in grundlegenden Techniken der Qualitätssicherung
bzw. des Qualitätsmanagements. Auch werden nicht selten
einzelne wenige Stichproben zur Extrapolation der Gesamtqualität
von digitalen Informationsangeboten herangezogen. Eine Reihe
von Untersuchungen orientieren sich methodisch an Bewertungskriterien,
die für die Qualität von Web Sites im allgemeinen
sicherlich wichtig sind; für Webseiten mit Gesundheitsinformationen
haben diese Kriterien oftmals aber untergeordnete Bedeutung.
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nur
die qualitativ hochwertige Patienteninformation birgt die
Chance zur Wertschöpfung für Kostenträger
und Leistungserbringer im Gesundheitssystem
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Digitale komplementäre Gesundheitsinformationen sollten
Teil einer qualitativ hochwertigen und strikt an den Bedürfnissen
der Menschen orientierten Patientenversorgung sein. Das Ziel
der "Kosteneinsparung" im Gesundheitswesen mag ökonomisch
gerechtfertigt sein, es muss aber viel zu oft als Argument
für die Durchsetzung einer objektiven Verschlechterung
einzelner Bereiche der Versorgungssituation der Patienten
herhalten. Patienten- und Gesundheitsinformationen in den
digitalen Medien sollten weder "Einsparungslücken"
füllen, indem sie beispielsweise die Frequenz von Arztbesuchen
unkontrolliert verringern, noch sollten sie als halbherziges
Beiwerk die Webpräsenzen von Kostenträgern oder
Leistungserbringern schmücken.
Hochwertige und qualitätsgesicherte Gesundheitsinformationen
hingegen bieten für den Patienten ein Plus an Versorgungsqualität
und somit auch Möglichkeiten zur Serviceverbesserung
und dem Potential zur Wertschöfpung auf seiten der Kostenträger
und der Leistungserbringer. Stolpersteine auf dem Weg dorthin
sind mässige inhaltliche Qualität und eine zu geringe
Zielgruppenorientierung hinsichtlich Inhalt und Barrierefreiheit
der Informationsangebote. Oft benennen Informationsangebote
zu Gesundheit und Medizin im Web weder die Autoren noch die
redaktionell verantwortlichen Personen für die Fachinhalte.
Würden Sie etwa einen Arzt konsuliteren, der Ihnen seinen
Namen verschweigt ? Wohl kaum.
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Fazit
I:
quantitatives
und Zielgruppen-orientiertes Evaluationssystem
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Systeme zur Qualitätsevaluation von Gesundheitsinformationen
sollten einen quantitativen, reproduzierbareren und -soweit
möglich- objektiven Evaluationsprozess bieten, der sich
im Bedarfsfall auf die Bedürfnisse der Zielgruppen ausrichtet.
Werden Querschnitts- oder vergleichende Untersuchungen (z.B.
Rankings) vorgenommen, so sollten folgende Randbedingungen
beachtet werden:
- der Vergleich der Gesamtqualität von Anbietern
unterschiedlicher Anbieterklassen (z.B. Gesundheitsportale,
Kliniken, Kostenträger) sollte nur anhand weicher Kriterien,
also auf der Ebene des kleinsten gemeinsamen Nenners (z.B.
Transparenz, Ethik, usw.), vorgenommen werden
- der Vergleich der der Gesamtqualität von Informationsangebotes
anhand harter Kriterien (z.B. Inhalte, spezielle
Services) sollte nur zwischen Informationsangeboten derselben
oder zumindest ähnlicher Anbieterklassen (z.B. nur
Vergleich unter Gesundheitsportalen) erfolgen
- Vergleich der Qualität anhand harter Kriterien
nur innerhalb identischer Kriteriengruppen / Kategorien
(z.B. Nutzerfreundlichkeit), wenn es sich um Angebote
aus unterschiedlichen Anbieterklassen handelt (z.B. Nuzterfreundlichkeit
von Gesundheitsportalen, Kliniken, Kostenträger)
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Fazit
II:
medizinisch-fachliche
Qualifikation und Erfahrung sowie Kenntnis der Nutzerbedürfnisse
sind Voraussetzungen für die Qualitätsevaluation
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Die medizinisch-fachliche Qualifikation und die langjährige
praktische Erfahrung im Umgang mit betroffenen Personen und
in der Kommunikation mit Patienten ist eine wichtige Voraussetzung
für die praktische und an den Bedürfnissen der Menschen
orientierte Qualitätsarbeit.
Besonders wichtig ist die Einbeziehung der Betroffenen selbst
(z.B. Selbsthilfegruppen, Nutzerbefragungen) in die Verfahren
zur Qualitätssicherung; dies kann nicht oft genug betont
werden.
Die Erfahrung im praktischen Umgang mit der Betreuung kranker
Menschen und die medizinisch-fachliche Kompetenz sowohl von
Health Professionals als auch von Betroffenen selbst hat Vorrang
vor der nicht selten patientenfernen Arbeitsweise fachfremder
Qualitätsmanager.
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Fazit
III:
über
die Qualitätskriterien eines Gütesiegels muss
unter den Anbietern von Gesundheits-Informationen Konsensus
bestehen
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Viele Versuche, Gütesiegel o.ä. im Bereich von
digitalen Gesundheitsinformationen flächendeckend zu
etablieren, sind bislang entweder an methodischen Problemen
oder an manglender Akzeptanz der Informationsanbieter gescheitert.
Bislang erfreut sich lediglich das HON-Label
einer gewissen internationalen Verbreitung. Die Kriterien,
die ein Anbieter von Gesundheitsinformationen erfüllen
muss, um das HON-Label führen zu dürfen, sind allerdings
denkbar weich, sodass das Label nicht wirklich "handfeste"
Qualität des jeweiligen Informationsangebotes ausweist.
Eine wichtige Grundvoraussetzung für die Schaffung und
Etablierung eines Bewertungssystems für digitale Gesundheitsinformationen
oder ein Gütesiegel ist die breite Akzeptanz und der
Konsensus unter den Anbietern von Gesunheitsinformationen.
Die Etablierung eines Gütesiegels für Medizin-,
Gesundheits- und Patienteninformationen hängt daher nicht
nur von den Bedürfnissen der angesprochenen Zielgruppen
ab, sondern ist auch ganz entscheidend an die Bereitschaft
der Informationsanbieter geknüpft, die Bewertungskriterien
mit zu tragen. Aber gerade hier ist -bei Informationsanbietern,
den Zielgruppenvertretern und nicht zuletzt den Anbietern
von sogenannten Gütesiegeln- noch viel Überzeugungsarbeit
zu leisten.
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Ihr
Rainer Schalnus
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